Verfasst von: Anna | 28. Februar 2010

Scheidung

Kommen sehen habe ich die Scheidung schon, bevor die beiden überhaupt geheiratet haben. Aber meine Freundin C. und ihr belgischer Auserwählter haben ja alle Warnungen in den Wind geschossen und nur wenige Monate nach ihrem Kennenlernen geheiratet.

Zur Erinnerung: C. ist die ehemals säkulare Anwältin aus Montreal, die sich über eine jüdische Heiratsvermittlung im Internet einen observanten Mann an Land gezogen hat, weil sie sich plötzlich zum religiösen Leben berufen fühlte. Vor gut einem Jahr hat sie ihre Zelte in Montreal abgebrochen, ihren Belgier geheiratet und sich mit ihm in Antwerpen niedergelassen. Seitdem hat sie sich in der Rolle der traditionellen Ehefrau geübt,  den Haushalt auf Hochglanz poliert und dem Ehemann den Rücken frei gehalten und sich im Schwangerwerden versucht. In der Zwischenzeit war sie gelangweilt und frustriert. Irgendwie habe sie sich alles anders vorgestellt, sagte sie gestern zu mir, als wir sie übers Wochenende in Antwerpen besucht haben. Schnell wie sie in ihren Entscheidungen nun einmal ist, ist sie bereits bei ihrem Belgier wieder ausgezogen. Sobald sie ihre Scheidung hat, will sie zurück nach Kanada. Und dabei ist es ihr auch egal, ob er ihr einen Get (jüdischer Scheidungsbrief) gibt oder nicht. Die Zivilscheidung reiche ihr im Notfall, meinte sie, wenn er Zicken machen würde.

Ich habs kommen sehen. Es kann halt niemand so leicht aus seiner Haut heraus. Dann aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

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Responses

  1. Über Leute, die ihre Weltanschauungen wie ein paar Schuhe wechseln, hält man am besten den Mund, weil sie einem sonst beweisen, dass es ausgerechnet bei ihnen gerade nicht so ist.

    Also tue ich das auch 😉

  2. naja, die weltanschauungen wie ein paar schuhe wechseln… das klingt schon sehr drastisch und sehr abwertend. ich sehe das so, dass da jemand eben sein glück versucht hat, ohne genau zu wissen, worauf sie sich einlässt… was nur allzu menschlich ist. wie oft lassen wir uns auf dinge ein, von denen wir die konsequenzen erst im nachhinein erfassen können?
    also mal halblang.

    ich wünsche deiner freundin, dass sie die krise als chance ergreift und nicht sofort in einen get hineinrennt. es gibt immer wege in der mitte, auch im observanten judentum von antwerpen. und es gibt immer menschen, rabbiner und laien, die bezüglich schalom beis lebenswichtige hinweise geben können. eine ehe ist arbeit. an sich selbst, an der situation, an vielen dingen.
    und: wenn man im ersten jahr nicht schwanger wird, kann das sehr frustrierend sein – es ist aber nicht das ende der geschichte. aber man sollte die frustration ernst nehmen und versuchen, jemandem in der situation eine stütze zu sein. ich denke, das könntest du, liebe anna, anstatt zu sagen „hab‘ ich ja schon immer gewusst“.
    das hilft niemanden – es gibt dir höchstens das (schale) gefühl (hoffentlich nicht) recht gehabt zu haben.

    my 2 cents.

  3. Das Risiko des Scheiterns ist immer sehr hoch, wenn man sein Leben so radikal ändert.

  4. @schoschana, also bitte, woher willst du wissen, ob ich C eine „Stütze“ bin oder nicht? Darum ging es hier überhaupt nicht. Ich habe einen ganz anderen Aspekt der Geschichte beschrieben: eine radikale Lebensumstellung, die wahrscheinlich schief gegangen ist.

  5. @anna,

    sätze wie „ich hab’s ja schon immer gewusst“ klingen sicher nicht nach einer tragfähigen unterstützung.

  6. @schoschana, *seufz* „ich hab’s ja schon immer gewusst” steht doch nirgendwo. Ich fürchte, das, was du hier suchst, wirst du nicht finden.

  7. Also ich lese es so, liebe Anna, das dieses Leben für die vorher wohl sehr beschäftigte Freundin nichts wahr. Von Karriere auf Hausfrau ist eine Umstellung…und noch dazu in einem fremden Land in dem man vermutlich nur wenige kennt…ich hätte vermutlich auch das gleiche gedacht, wie Du Anna, ob nun observant oder nicht, allein plötzlich zu hause zu sein kann schon Umstellung genug sein, da muss es nicht viel mehr geben. Ich habe mich selbst einmal vor einer solchen Ehe gerettet. Ich hatte schon im Vorfeld Angst davor und hab’s gar nicht erst soweit kommen lassen. Manche Dinge aber muss man eben probieren, um zu merken, dass es nicht geht. Ich hoffe sehr, die beiden gehen ohne tiefere (seelische) Schäden aus der Sache raus. Und Du, Anna, wirst wohl wieder nach Kanada zum Besuch flattern müssen 😉

  8. also anna, „Kommen sehen habe ich die Scheidung schon, bevor die beiden überhaupt geheiratet haben.“ – interpretiere ich als „ich hab’s ja schon immer gewusst.
    ich möchte nicht unbedingt recht haben, soviel einblick habe ich ja kaum bei jemanden, den ich nicht einmal kenne – aber ich verstehe wirklich nicht, wie man diesen satz anders auslegen kann. vielleicht kannst du’s mir erklären.

    auf jeden fall glaube ich, dass deine freundin hilfe braucht. und einen get sollte sie bekommen wollen. so wurscht kann einem das einfach nicht sein. was, wenn sie – was nicht ausgeschlossen ist – doch noch den mann ihrer träume trifft, aber dann eine aguna ist? vielleicht kannst du ihr ja gut zureden.

  9. juna,

    ich weiss nicht, ob man diese geschichte auf das problem „allein zu hause“ reduzieren kann. mir scheint viel eher, dass hier jemand ist, der einerseits bereit ist, radikale veränderungen zu machen, andererseits nicht die geduld aufbringt, diese veränderungen auch wachsen zu lassen… ein leben, was ausserhalb von einer berufskarriere ist, MUSS ja nicht zwangsläufig langweilig sein. es kommt doch darauf an, wie man dieses leben dann füllen kann. offensichtlich hat sie einen religiösen mann geheiratet. ich denke, da gab es doch ein tag- und abendfüllendes programm an neuem lernstoff auch für die frau?!?

  10. @Schoschana:

    Ich habe nie behauptet, dass so ein Leben langweilig sein muss, nur bezweifle ich inzwischen sehr, dass man diese komplette Umstellung hinbekommt. Entweder man will es wirklich und weiß eben auch, wie keine Langeweile aufkommen wird, bzw., wie ich meine Tage auch ohne Kinder fülle (auch die sind irgendwann in der Schule etc.) oder aber das ist nicht mein Weg. Ich vermute eine romantisierte Vorstellung von dem, was kommen sollte. Oft auch bei Konvertitinnen zu beobachte, die mit einer romantischen Stetlvorstellung kommen und sich dann aber über die Realität wundern – und dann auch zu oft scheitern.

    Wie dem auch sei, die Freundin hat die Reißleine gezogen und es glücklicherweise kein weiterer Schaden entstanden, sprich, keine Kinder, die jetzt leiden müssten. Für die Freundin wird jetzt klar sein, was doch nichts für sie ist. Ich sehe es positiv, ich sähe es im Übrigen genauso positiv, wenn sie ihren Weg im religiösen Leben gefunden hätte…

  11. @ juna

    was bedeutet denn eigentlich „komplette umstellung“? viele dinge im leben sind komplette umstellungen, und in der regel sind sie mit zeit und geduld zu bewältigen… also auch der einstieg in eine observanteres oder observantes leben. das ganze ist doch ein weg, der nicht von heute auf morgen passiert.
    den hinweis auf die konvertitinnen bzw. den zusammenhang zwischen konversion und romantik verstehe ich nicht – auch hier passiert eine lebensumstellung, die zeit benötigt, und ich glaube, romantik ist doch wenn überhaupt vorher im spiel, bevor jemand anfängt ernsthaft an sich zu arbeiten. man kann ja immer wieder lesen, wie wenig eine konversion ein pappenstil ist und das gleiche betrifft leute, die tshuvah machen… hast du denn schon so viele konvertitinnen mit „romantischer stetlvorstellung“ kennengelernt? ich nicht, und ich ich habe schon so manche getroffen.

    ich weiss nicht so recht, ob der gedanke mit der „reissleine“ der richtige ist – alles hat zwei seiten und also könnte man es auch so sehen: schade, dass sie die schwierigkeiten nicht aushalten konnte und keinen weg für sich sah, an den neuen auseinandersetzungen zu wachsen.

    nun, letztendlich wird sie es aushalten müssen. ich hoffe iund wünsche ihr auf jeden fall, dass es , die richtige entscheidung war.

  12. Da ich den Fall ja persönlich kenne, sehe ich es auch eher so wie Juna: besser jetzt die Reissleine ziehen als sich (und den Mann) weiter unglücklich machen. C. hat immer säkular gelebt, bis sie infolge eines persönlichen Schicksalsschlags angefangen hat, sich mit ihrer Religion zu beschäftigen. Das war, glaube ich, mehr eine Suche nach Trost als ein echtes Bedürfnis nach einem religiösen Leben. Mittlerweile ist sie, was ihr damaliges Schicksal, zur Ruhe gekommen und merkt, dass sie sich religionsmäßig für ihre Verhältnisse wohl etwas verrannt hat.

    Natürlich hoffen wir alle, dass sich doch noch alles zum Guten wendet, sie hat ja auch noch genug Zeit zum Nachdenken bis zur einer evtl. Scheidung. Aber wenn sie zu dem Ergebnis kommt, dass eine Scheidung das beste ist, dann muss man das eben akzeptieren.

  13. hallo anna,

    ich glaube, bei unserer diskussion geht es nicht darum, was der/ die einzelne bei diesem speziellen fall akzeptiert oder nicht, sondern um grundsätzlichere fragen, meinst du nicht?
    diese geschichte ist doch nur ein anlass, um über gewisse problematiken zu reflektieren, die ganz allgemein sind.

  14. @Schoschana, nun, ich habe Junas Argumentation aber schon auf den konkreten Fall bezogen verstanden.

  15. Ehm, so war sie auch gemeint. 😉

  16. Also ich bin vor 23 Jahren aus Liebe ins kalte Wasser gesprungen. Wir kannten uns erst ein dreiviertel Jahr und haben geheiratet und sind sofort nach England gezogen.

    Einige Freunde, Familie und Bekannte meinten, daß es nie halten würde. Sie gaben uns keine Chance.

    Wir hatten sehr schlechte und auch sehr gute Zeiten miteinander. Wir haben auch gestritten wie Katze und Hund, aber solange die Liebe da ist, gibt man nicht auf.

    Es kann gut gehen, oder auch nicht. Bei uns ist es glücklicherweise gut gegangen und ich bin froh darüber.

    lg Netty

  17. ach so.

    😉

  18. Hallo zusammen,

    zum konkreten Fall kann ich nichts sagen. Ich weiß nur, dass für mich sowohl die Entscheidung für ein religiöses Leben, als auch die Ehe oder die Entscheidung für gemeinsamme Kinder sehr wichtige Entscheidungen sind, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen und nach Lust und Laune wieder ändern sollte.

    Ich jedenfalls habe mir immer Mühe gegeben in meinen Entscheidungen nicht leichtfertig und wenn sie einmal getroffen waren, konsequent zu sein.

    Liebe Grüße Sümeyye


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