Verfasst von: Anna | 10. Mai 2010

Erkenntnis

Ich habe auf „mittendrin“ viel zu viel über Religion geschrieben. Wenn ich meinen Blog so lese, dann kommt es mir so vor, als würde sich in meinem Leben alles um Religion drehen. Das ist aber nicht so. Die Religion bestimmt mein Leben nicht, sie läuft im Alltag einfach so mit. In den letzten Monaten läuft sie sogar eher weniger mit als früher.  Wahrscheinlich finde ich mich deshalb in meinen eigenen Blog gerade nicht wieder. Und was heißt das jetzt für meinen Blog? Mal sehen.

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Responses

  1. Liebe Anna,

    das kommt mir bekannt vor. Jüdisches gibt es momentan auch bei mir recht wenig. Aber vielleicht ist es eben deshalb: es läuft mit, ganz selbstverständlich. Wir machen uns keine großen Gedanken darüber. Was für andere vielleicht speziell sein könnte, ist für uns nicht erwähnenswert. Gib Dir Zeit. Es kommt bestimmt wieder mal was, was Du berichten möchtest – und wenn es auch erst nächstes Jahr ist 😉

    Liebe Grüße,
    Juna

  2. Mir war das nicht zuviel.

    Aber es könne einen Effekt geben, der die Richtung des Blogs ausmacht: als „aktiver“ Angehöriger einer Religion oder sonstiger Weltanschauung hat man vielleicht das Gefühl, anderen etwas erklären zu müssen, warum das so ist.

    Das geht mir nicht anders: in meinem Blog schreibe ich auch viel über katholische Weltsicht, obwohl sich mein Leben – so wie Deins – eher weniger um die Religion dreht. Aber ich finde in einer säkularen Welt die mehr religiöse Sicht auf die Dinge, die uns umgeben, durchaus interessant und vieles davon berichtenswert. Man kann eine Sache ökonomisch sehen, man kann sie physikalisch sehen – man kann sie auch religiös sehen. Das führt unter Umständen zu völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen, und das zu erklären und es in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen ist ja mal nicht schlecht.

    Die Katholiken haben es zum Beispiel im Moment schwer: die Medien haben sich auf sie eingeschossen und vergessen, dass auch die Katholiken Menschen sind, die ganz normale menschliche Fehler machen – und dass sie auch von anderen Menschen umgeben sind, die nicht katholisch sind und die gleichen Fehler machen: sind die deswegen nicht zu tadeln? Die Juden in Deutschland sind – zu meinem Bedauern – immer noch eine Randgruppe, und es fällt viel zu wenig auf, dass ihre Religion eigentlich die Mutter-Religion unseres Staatsgefüges ist: ihre lange ethische Tradition bestimmt unser Grundgesetz viel mehr als rein wissenschaftliche Erkenntnisse. Viele Menschen merken das nicht und meinen deswegen, man könne auf religiöse Grundwerte einfach verzichten: Kreuze abhängen, Kopftücher verbieten, Sonntags durcharbeiten. Als sei erst dann Ruhe, wenn alles gleichgemacht ist: dass das nicht geht, hat die DDR längst bewiesen.

    Religionen gehen immer vom einzelnen Menschen aus und nehmen seine Individualität in den Blick: sie stellen Beziehungen zwischen dem Individuum und der ihr gegenüberstehenden Gesellschaft der anderen her. Politiken gehen immer nur von Massen aus – und scheitern deswegen alle paar Jahrzehnte, weil sie nicht beachten, dass auch die Masse eine Menge von Individuen ist, die nicht über einen Kamm geschoren werden kann.

    Es ist deswegen wichtig, auch über Religion zu sprechen: Kommunikation erzeugt Verständnis, nicht Gesetze. Es stört also wirklich nicht, wenn Du weiterhin über Dein jüdisches Leben in Deutschland berichtest: es hat keine Leuchtturm-Funktion, sondern ist einfach so wie es ist. Dass das nicht Dein ganzes Leben abbildet dürfte wohl jedem im klar sein.

  3. Hmmm…also, ich fänd es schade, wenn der Blog einschlafen würde. Letztlich ist Religion immer privat – und je nachdem, wieviel man erlebt, erlebt man auch viel oder wenig religiöses. Damit will ich nicht sagen, dass dein Leben langweilig ist, sondern nur festhalten, dass es manchmal eben auch so etwas gibt wie Alltag im positiven Sinne – nichts, was man erklären muss, nicht, was man entschuldigen muss. Leben eben.

    Und das ist eigentlich etwas sehr positives. Andererseits hat Judentum soviel mehr zu bieten als ’nur‘ das Verhältnis zu G’tt und Leben in Israel.

  4. Hallo Anna,

    ich kann auch gut verstehen was du meinst. Bei mir war es so, dass ich „am Anfang“ als ich neu konvertiert war – sehr aktiv im Netz war uns mich sehr auf diese religiösen Themen konzentriert habe. Das war vermutlich eine Phase, in der mich sehr stark damit auseinandergesetzt habe, weil die Religion zu großen Teilen ja meine Identität und mein Selbstverständnis verändert hat und ich das Alles erst mal mit meinem bisherigen Leben in Einklang bringen und mir darüber im klaren werden musste, wie ich mir die Zukunft vorstelle – mit neuer Religion.
    Inzwischen bin ich im Alltag mit Religion angekommen, habe herausgefunden, was ich will und was nicht – und habe inmitten der neuen Religionsgemeinschaft, zwischen so vielen Strömungen und Ausrichtungen – meinen eigenen Standpunkt bestimmt.
    Und im Alltag gibt es wesentlich seltener religiöse Besonderheiten zu berichten – aber hin und wieder eben doch – wie z.B. die Beschneidung meines Sohnes gestern.
    Aber das ist vielleicht grade die wichtigste Erkenntnis aus deinem Blog: „das nämlich ein „jüdischer Alltag in Deutschland“ gar nicht großartig anders sein muss als ein christlicher oder ein muslimischer Alltag in Deutschland.

    🙂 Liebe Grüße Sümeyye


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