Verfasst von: Anna | 13. Juli 2010

Alles hat seine Zeit

„Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit“.

Dieses Zitat aus dem Buch Kohelet (Prediger), das ich vor ein paar Monaten von einem Pastor auf einer Beerdigung gehört habe, hat mich wirklich emotional erreicht. Normalerweise finde ich bei Tod und Trauer überhaupt keinen Trost in der Religion. Ich bin zu realistisch, als dass mir die religionsüblichen Vorstellungen vom Jenseits und einem etwaigem Leben nach dem Tod im Ernstfall wirklich etwas geben könnten. Allein dieser eine schlichte Satz hat einmal mein Herz erreicht. Ich sage ihn mir jedes Mal, wenn die Bilder vom Sterben des geliebten Menschen wieder einmal in meinem Kopf aufblitzen. Und ein bisschen hilft das. Gerade weil der Text eben keine Verheißungen irgendwelcher Art enthält.

Abgesehen von Schmerz und Trauer frage ich mich aber auch: Wie ist es möglich, dass es ausgerechnet ein christlicher Geistlicher geschafft hat, mir eine echte Hilfestellung mit auf den Weg zu geben? Warum hilft mir hier meine eigene Religion nicht? Immerhin stammt der zitierte Satz ja aus dem Tanach.

Ich denke, es gibt zwei Gründe. Der erste ist die Sprache. Auf Deutsch erreicht mich der Text besser als auf Hebräisch. Deutsch ist meine Muttersprache, meine Sprache für Herz und Gefühl, Hebräisch ist und bleibt eine gelernte Fremdsprache. Der andere Grund war die Professionalität des Trauerredners. Er hat sich sehr geschickt auf ein religiös gemischtes Publikum eingestellt und keine superchristliche Ansprache gehalten. Von seinem allgemeinreligiösen Vortrag konnte man sich auch als Nichtchrist angesprochen fühlen. Letzteres ist eine Erfahrung, die ich auch schon im Krankenhaus gemacht habe. Auch die Seelsorger dort sind normalerweise flexibel im Umgang mit nicht- oder anders religiösen Patienten und Angehörigen, woraus sich dann über alle Religionsgrenzen hinweg sehr gute Gespräche ergeben können.

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Responses

  1. Huhu Anna

    Meinem Bruder ergeht es da ähnlich. Er glaubt nicht speziell an ein Weiterleben nach dem Tod. Obwohl er diesen Vers nicht kennt, drückte er sich ähnlich aus. Ihm sei das bewusst geworden an den Beerdigungen seiner Freunde. Ich fand das zuerst ein bisschen verkürzt, als ob da etwas fehle, aber aus der Perspektive desjenigen, der nicht an ein Weiterleben glaubt, ist es eigentlich die logische Quintessenz dessen, was jemand im Weiterleben visualisiert.

    Von daher ist es m. M. n. im Prinzip dieselbe Intuition von etwas Größerem, wie auch immer gerartetem SINN.

    Ich finde es auch schön, wenn solche Dinge religionsübergreifend an alle Menschen gerichtet angesprochen werden.

    Liebe Grüße
    Ini

  2. Wie gut, dass wir das nicht wissen, aber irgendwann erfahren wir es alle. Lassen wir uns überraschen. Aber das mit dem Tod alles zu Ende ist, glaube ich nicht. HaSchem wird sich schon was gedacht haben.

  3. Mit der Sprache gebe ich dir recht. Deutsch ist uns immer näher, aber ich mag hebräische Gesänge sehr gern und sie sind mir wegen der Musik und dem Klang der Sprache auch sehr nahe und ich spüre da auch eine Spirualität.

  4. „Aber das mit dem Tod alles zu Ende ist, glaube ich nicht“

    Ich auch nicht. Aber ich hab da keine so feste Überzeugung, dass es mir in kritischen Situationen weiterhelfen würde. Leider.

    „aber ich mag hebräische Gesänge sehr gern “

    Ich auch. Ich wäre auch nie für Deutsch als Gebetssprache in der Synagoge. Aber in Extremsituationen, wenn man die Religion mal wirklich „brauchen“ könnte, dann merke ich, dass mir vielleicht wegen der Sprache irgendwie die Nähe fehlt.

  5. Ich bin mir auch nicht sicher, ob mich das in kritischen Situationen trösten wird. Es ist einfach sehr schlimm, jemanden zu verlieren und mit dem Gedanken fertig werden zu müssen, derjenige oder diejenige kommt nie wieder. Das übersteigt einfach jeden Verstand und jedes menschliche Gefühl.


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