Verfasst von: Anna | 13. August 2010

Big Rabbi is Watching

In Jerusalem hat eine selbsternannte Sittenpolizei Fotografen beauftragt, die Besucher von bestimmten Konzertveranstaltungen zu filmen, bei denen Frauen und Männer anwesend sind und die deshalb als unanständig gelten. Die ultraorthodoxen Kontrolleure, die sich hinter dem ehrenwerten Namen „Committee for Preserving Sanctity and Education“ verbergen, wollen damit in flagranti Schüler von Jeschiwot (Talmud-Schulen) erwischen, die an solchen Veranstaltungen anscheinend nicht teilnehmen dürfen. Die Fotos werden an die jeweiligen Schulleiter weitergeleitet, wo die Missetäter dann, nehme ich mal an, ordentlich sanktioniert werden. Und da die Sünde bekanntlich überall lauert, durchforsten die Fotografen mit ihren Motorrädern auch gleich noch die Straßen der Stadt und fotografieren die Gäste in Bars, Restaurants und Cafés. Krass, echt. Da lehnt man jede Modernität ab, meidet Fernsehen und Internet und überhaupt alles Weltliche, kleidet sich wie im Mittelalter – und heuert dann Fotografen an, säkulare noch dazu, um die auf Abwegen wandelnden Schäflein mit modernsten Methoden zu überwachen. Alle Achtung. Der Iran lässt grüßen.

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Responses

  1. Hmm, erinnert mich dann doch irgendwie an die DDR, hat da jemand Angst vor seinen eigenen Leuten?
    Wie sagtest Du neulich? Unheimlich.

  2. @Juna, ja, DDR, so kann mans auch sagen. Nur leider handelt es sich hier ja nicht um Politik sondern um Religion. Überwachung und Religion gehen für mich gar nicht zusammen.

    Dir Schabbat Schalom!

  3. Der Iran laesst gruessen ist vielleicht etwas uebertrieben, denn der Iran bringt dann die Leute um, oder schneidet irgendwelche Koerperteile ab oder steinigt…
    Noa

  4. Im Iran gibt es genau so eine „Religionspolizei“, die durch die Strassen und Veranstaltungen patroulliert und die Leute drangsaliert, die sich nicht an den dort geltenden Dress Code halten. Gewisse Parallelen in Sachen Zwang und Ueberwachung im Namen der Religion kann man doch nicht leugnen. Auch ein Saeureattentat auf ein Maedchen in Hosen gab es 2008 in Jerusalem. Das kennt man auch aus dem Iran.

  5. Darf man in Jerusalem als Mädchen keine Hosen tragen?

    LG Ini

  6. @Ini, du darfst in Israel ueberall
    Hosen tragen, aber nach der Religion gelten Hosen als Maennerkleidung und Frauen duerfen keine Maennerkleidung tragen (und umgekehrt). Viele Religioese halten sich daran und ein Fanatiker hat halt mit Saeure um sich geschmissen.

  7. @Anna: Gibt es denn viele solche Fanatiker in Israel? Mir war bisher nie bewusst, dass es auch in Israel nicht ganz so säkulär ist. In einem arabischen Land wäre wohl damit zu rechnen, aber in Israel dachte ich bisher eher nur an die allgemeinhin bekannte politische Situation.

    Lieben Gruß
    Ini

  8. ein Fanatiker. Fanatiker gibt es ueberalll. Im Iran wird so etwas von der Regierung nicht nur gebilligt sondern initiiert.
    Ich denke das ist ein Unterschied.
    Noa
    @Ini, doch in Jerusalem darf man alles tragen, Maedchen laeufen mit spaghetti-traegern rum, und kurzen Hosen, tops, wo die halbe brust heraushaengt usw… und das sind nicht nur touristen, sondern eher Einheimische, die saekular leben.
    Noa

  9. Wenn man zu einer bestimmten religioesen Richtung gehoeren will, wird man sicher von selbst keine Ambitionen haben, mit halber Brust rumzulaufen…. ansnsten gibt es Abstufungen ohne Ende hier. Frauen, die in der Woche mit Hosen rumlaufen, und am Shabbat Roecke tragen, Frauen, die den Aermel bis zum Ellbogen haben, andere bis zum Handgelenk…. Frauen, die nie ohne STruempfe laufen, auch im sommer nicht (bei knielangen Roecken… usw.
    Noa

  10. @Ini, der Säure-Fall ist schon sehr extrem und soweit ich mich entsinnen kann auch einmalig in Israel. Ansonsten gibt es aber schon so einige Gruppen, die sehr religiös sind, die sich von allem Weltlichen fernhalten, nur unter sich bleiben, Gruppen, die ich in ihrem Gehabe einfach als Sekten bezeichnen würde.

    „Fanatiker gibt es ueberalll. Im Iran wird so etwas von der Regierung nicht nur gebilligt sondern initiiert.
    Ich denke das ist ein Unterschied.“

    @Noa, es ist furchterregend, wenn eine „religiöse“ Gruppe Fotografen durch die Straßen fahren lässt um die Linientreue ihre Mitglieder zu überwachen. Das hat nichts mehr mit Religion zu tun. Es erinnert an ein Zwangsregime, einen Überwachungsstaat. Die Religion wird regelrecht pervertiert und alles Positive und Spirituelle wird mit Füßen getreten. Ob der Staat das nun unterstützt/initiiert oder ob die Gruppe aus eigenem Antrieb handelt, ist doch irrelevant.

    PS: Die Frage, wie weit solche Gruppen politisch gehen würden, wenn sie denn könnten, stelle ich mir lieber erst gar nicht.

  11. Natürlich gibt es überall Fanaten, sehen wir uns nur mal die Evangelikanen an oder Zeugen J.
    Nur kommen solche Meldungen eher in die Medien, als wenn Eltern der Zeugen J. eine Bluttransfusion für ihr Kind ablehnen. Alles schon erlebt.
    Warum sollte denn immer wieder Israel da eine Ausnahme machen? Das frage ich mich dann immer wieder.

  12. @Yael, ich verstehe nicht was du meinst. Die Saeure-Geschichte habe ich in den israel. Medien gelesen. Ist das denn hier auch berichtet worden?

  13. Ich wehre mich nur dagegen, dass durch den Artikel der Eindruck entsteht, dass unser Alltag hier in Jerusalem von solchen fanatischen Aussetzern gepraegt ist. Solche Fragen, wie die von Ina, entstehen dadurch: Darf man als Frau denn in Jerusalem keine hosen tragen….
    und soweit ich weiss, bist du ja selbst mal fuer lange Zeit in Jerusalem gewesen, und weisst, dass wir hier zum grossen Teil einen relativ „normalen“ alltag leben mit unseren ganz kleinen alltagssorgen bei der arbeit, in der gemeinde. und und..
    religioese gruppen, die sich abschotten, sind nie gesund. Es gibt hier auch Faelle von Kindesmisshandlung, und sie werden dadurch dass sich bestimmte religioese gruppierungen so sehr abschotten, schlechter entdeckt. Geschlossene gruppierungen sind nie gut und in ihnen entsteht dann ein solcher Fanatismus.
    aber es keineswegs Alltag in Jerusalem.
    Noa

  14. Ich kann mich an dieses Beispiel nicht erinnern, aber z.B. über die Meldung mit der Vergewaltigungsgeschichte, die keine war, wurde sofort berichtet. Ab und an kommt mal was über die Evangelikaner in den USA im Fernsehen (besonders beliebt, als Bush noch Präsindent war), aber so spät, dass das kaum noch jemand mitbekommt.
    Man erfährt über Israel durch dich und andere mehr als durch die dt. Medien, das schon, aber wenn man sich weniger für Dinge anderer Länder interessiert, kann man ein falsches Bild bekommen, deswegen betonte ich, dass es überall diese durchgeknallten gibt, aber man diese weniger mitbekommt und Israel da keine Ausnahme macht. So können dann eben Missverständnisse enstehen, wenn jemand denkt, in Jerusalem könnte keine Frau mit Hosen durch die Stadt gehen. Viele Menschen kennen den Unterschied zwischen Orthodoxen und Ultraorthoden nicht darauf muss man auch immer wieder hinweisen.

  15. Gibt schon auch Extreme in anderen Sekten. In der Schweiz haben die Oberen der Templer-Sekte gleich ganze Familien ausgelöscht. Bei uns im Dorf gibt´s auch ne Sekte, wo jeweils das erste Kind von ihrem Guru abstammt, meinem Nachbarn. Schon ein bisschen grauslig …. Deren Kinder erzählten teilweise Haarsträubendes. Aber das mit der Säure ist eher in Indien verbreitet, dachte ich.

    LG Ini

  16. Leute, wie kommt ihr denn darauf, dass mein Blog objektiv sein soll? Das sind ja noch nicht einmal die etablierten Medien, schon gar nicht wenn es um Israel geht. Ich schreibe hier meine Meinung, subjektiv, und suche mir die Nachrichten aus, die mich persönlich bewegen. Dass Außenstehende das nicht immer richtig einordnen können, ist mir schon klar, aber das ist doch auf anderen Blogs auch so.

  17. Ich glaube, dass hast du mich missverstanden, Anna. Ich ging nicht von deinem Blog aus, sondern was man sonst über Israel erfährt (eben fast immer nur sehr einseitig und die Menschen erfahren zu wenig). Und da ist einiges an Nachholbedarf, weil die Menschen dadurch ein merkwürdiges Bild von Israel bekommen.

  18. Ah okay, Yael. Ich glaube, ich kann mir manchmal gar nicht mehr vorstellen, wie man Israel u.U. wahrnimmt, wenn man das Land nicht kennt.

  19. Stimmt schon. Ich lese zwar regelmäßig Nachrichten aus Israel, aber es ist schon so, dass ich z. B. durch Kontakte mit orthodoxen Juden ein bisschen verunsichert wurde, weil ich da so vieles zu beachten habe und es vorher nicht wusste. Und wenn ich dann naiv frage, kann das natürlich auch nerven. Ich finde es interessant, aber bin eben nicht jüdisch aufgewachsen und kann es folglich nicht wissen, was da intern alles zu beachten ist, steht auch nicht alles im Net. Und dann gibt´s ja auch noch viele interne Unterschiede und Differenzen, wobei das natürlich auch in anderen Religionen und Staaten so ist. Ich kenn das zum Beispiel von den dogmatischen Christen. Wenn man da nicht ganz die Linie fährt, wird man nicht mehr gegrüßt. Ich nenne es „das System“, ist nie gut, wenn man sich einem Kollektiv beugen muss, was das auch immer repräsentieren mag. Oder dann nationale Unterschiede. Mein Schwager und dessen Familie sind Italiener und ganz anders gestrickt, da ecken wir Schweizer auch oft an, ohne es zu beabsichtigen.

    Lieben Gruß
    Ini

  20. „Und wenn ich dann naiv frage, kann das natürlich auch nerven“

    @Ini, du fragst nicht naiv und nervst auch nicht. Ich glaube, Noa meint, dass man als nichtjüdischer Leser durch den Artikel ein zu einseitiges Bild von Jerusalem bekommt. Das mag ja sein, aber das kann ich leider auch nicht ändern. Ich schreibe hier über Persönliches, ohne erst ausführlich allgemeine Infos über Judentum und Israel zu liefern (machen andere übrigens auch nicht).

    „Wenn man da nicht ganz die Linie fährt, wird man nicht mehr gegrüßt“

    Interessant, und wahrscheinlich wird schlecht geredet? Bei uns heißt das dann manchmal sogar „der ist kein richtiger Jude“.

  21. @Anna: Bei den dogmatischen Christen ist man dann als Abtrünniger nicht nur nicht mehr Christ und verloren, sondern absolut unten durch. Da ist man nicht mal mehr für Bekehrungsversuche gut genug. Zum Glück sind diese Gruppierungen nicht besonders stark vertreten. Teilweise bemühen sie sich aber um Randständige der Gesellschaft, wo sonst niemand hilft. Wenn dieses extreme Denken nicht bestünde, wären sie eigentlich ganz nett. Gibt auch immer wieder welche, die davon wegkommen und dann irgendwie nirgendwo mehr richtig hingehören und dann für sich selbst religiös leben, ohne Gemeinschaft.

    Die Sekte in unserem Dorf ist übrigens buddhistisch-hinduistisch oder so was in der Richtung, da gibt es auch überall Sekten, wie wohl in jeder Religion. Interessant ist, dass die unfreien Grundstrukturen trotz aller Unterschiede sehr ähnlich sind.

    Ich sag immer: Warum darf Israel nicht auch seine Verbrecher haben dürfen. Es gibt in jedem Land Gefägnisse, wo das Land seine schwarzen Schafe unter Strafe stellt. Warum muss Israel besser sein, um gut genug zu sein?

    Es ist auch normal, dass Israel seine internen Kritiker hat, das hat jede echte Demokratie. Wenn man die Schweizer so hört, wie sie über ihre selbstgewählten Politköpfe urteilen, könnte man als Außenstehende auch ganz falsche Eindrücke erhalten. Nur kommt da niemand und tritt das weltweit breit, so wichtig ist die Schweiz nicht. Das ist der Unterschied zu Israel.

    Ich bin Mitglied der Gesellschaft Schweiz-Israel, weil ich damit ein kleines persönliches Zeichen setzen will (wie eine Kerze bei einer friedlichen Demonstration) gegen diese Diskriminierung, so wie ich gegen jede Art von Diskriminierung bin.

    Lieben Gruß
    Ini

  22. @Ini

    Fragen sind immer gut und es gibt keine schlechten oder nervige Fragen.


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