Verfasst von: Anna | 23. August 2010

Eine Synagogenkarte zu den Hohen Feiertagen

Zum ersten Mal überhaupt habe ich mir in diesem Jahr eine Platzkarte für die Synagoge gekauft. Heute hat sie im Briefkasten gelegen, nachdem ich dafür einen stattlichen Obolus auf das Gemeindekonto überwiesen hatte. Damit habe ich es jetzt gemeindeamtlich, dass ich und nur ich berechtigt bin, in der Reihe Y auf Platz X zu sitzen. Jede, die sich dorthin verirrt, wird das Feld räumen müssen, sobald ich ihr mit meiner Platzkarte vor der Nase herum wedele. Das wird ein wahrscheinlich ganz neues Feeling sein. Bislang bin ja ich immer weggescheucht worden. Meist von irgendwelchen aufgetakelten Damen, die man sonst das ganze Jahr über nicht in der Synagoge sieht und die mangels Ahnung und Interesse an der Liturgie dann stundenlang lautstark die neuesten Kochrezepte und den aktuellen Gemeindeklatsch austauschen. Das ist auch, neben der Geldfrage, der zweite große Nachteil an dem Platzkarten-System: Wenn einem die Nachbarn nicht gefallen, kann man sich zwar einen anderen Platz suchen, aber dann hat man die „Investition“ eben in den Sand gesetzt.

Ich finde es sowieso schräg, für Sitzplätze in der Synagoge noch einmal extra abzukassieren. Immerhin zahle ich jeden Monat schon eine beträchtliche Summe an „Kirchen“-Steuer. Nächstes Jahr wird es deshalb auch wieder ohne Platzkarte gehen müssen. Dieses Jahr bin ich halt wegen Knieproblemen auf einen festen Patz angewiesen und muss auf das übliche Sitzplatz-Hopping verzichten. Hoffentlich kommt da bei mir vor lauter Platzkarte keine Theaterstimmung auf.

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Responses

  1. Ich wollt schon sagen, da geht doch der ganze Spaß flöten. Man kann sich nicht vor den Leuten verstecken, von denen man nicht gesehen werden will, man kann unerträglichen Nachbarn nicht ausweichen…and most of all, man kann nicht auf einen Platz zustürmen und das erhebende Gefühl haben, dass das jetzt meiner ist….

    Nee, im Ernst, seltsames System. Bei uns bleiben die Leute meist eh da wo sie am Abend von Rosch Haschana hingerutscht sind. Das geht auch ohne Handtuchreservierung 😉

  2. Huhu Anna

    Wie Du das so anschaulich beschreibst, mag man als LeserIn sogar diese aufgetakelten Damen, die Kochrezepte in der Synagoge austauschen. *smile*

    Lieben Gruß
    Ini

  3. Ich kenne das aus Hamburg nur, dass man für das ganze Jahr Synagogenplatzkarten kauft und nicht nur zu den Hohen Feiertagen. Hier in Berlin kann ich mir das alles nicht leisten.

  4. @Yael, wie auch immer, für den Rest des Jahres ist sone Karte doch völlig überflüssig, sind doch eh immer reichlich Plätze zur Auswahl. Nächstes Jahr werde ich auch wieder darauf verzichten, das Geld kann ich auch woanders brauchen.

  5. Hallo Anna.
    Ich schreibe aus Brasilien und hier in der Gemeinde in Sao Paulo ist es auch nicht anders…man muß einen Platz reservieren und diese Damen von denen Du schreibst gibt es übrigens auch hier en Masse…Dies nur kurz damit Du weißt daß die Welt mit Dir leidet (macht das Ganze vielleicht erträglicher)…Alles Gute und toller Blog!


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